STRETCH VERBS ( Streckverbs)
„Kannst du dir was schöneres gönnen“, frage ich mich wann das pechrabenschwarze Schicksal unaufhörlich an meiner Fensterscheibe klopft und klopft... und flüstert ganz leise: „Bist du bereit?“ „Ja, bin ich, bin zur allgewaltigste, eiskälteste und schneiderste Umarmung bereit.....“ und während meine mir übelwollende Feinde Pläne schmieden, gönne ich mir was, was mir vom Herzen gefalle. Ist doch keine große Sünde! Die Zeit tickt schon laut...... die Faszination des Wortes hat mich in seinen Bann unwiderruflich eingeflochten für immer und ewig.
„Ja, du, Unvernunftknäuel, kannst du, kannst du dir was schöneres gefallen lassen, du bist doch FREI, du kannst machen was du willst“. Obwohl Relativität der Freiheit zweifellos bezweifelt sein sollte.
Um die verschleierte Seele eines Volkes zu entschlüsseln muss man in die Sprache akribisch eintauchen und die Stretchverben haben mir den ersten Anstoß dazu gegeben. Mir eigentlich gefallen die sehr, weil da liegt eins von den vielen Rätseln des Volkes, obwohl meine neue Stilfibel berät die zu meiden. Und mit den vielen Pronominaladverbien (Umstandsfürwörter), das war die Liebe auf den ersten Blick, nirgendwo hatte ich so was schönes erlebt. Wie durch einen Zauberwald ging ich holpernd, hinkend durch das Dickicht der Sprache und die waren die echten Stolpersteine, oftmals habe ich so lange vor einem Stein gegrübelt bis mein Kopf zu qualmen anfing. Die schienen mir so rätselhaft, eigentlich die sind das gleiche oder was ähnliches was im Englischen phrasal Verbs, der Unterschied liegt in Unersetzlichkeit. Urwaldartiges, undurchdringliches, stockfinsterdunkles Dickicht und kein Lichtsträßchen weit und breit. - so schien mir das Dschungel der Sprache vom Anbeginn, überall eine Falle, Stretchverb, Präfixabreißen, Präfixallmächtigkeit, die Vieldeutigkeit, Synonymreichtum, Wortakrobatik, Sinnbilder, Umgangslexika, Wortungetümen, etc. Hinter jedem Baum was mysteriöses, geheimnisvolles, verschleiertes in diesem Zauberwald. Man stolpert langsam, mühsam durch, tappend, den Weg suchend wie im Finsternis und wie besessen, wie ein Schmetterling zum Licht, und dann plötzlich ein Lichtlein aufblitzt, man erblickt die Konturen der Dinger, Geistespräsenz, Sinnreichtum. Sprachsaftigkeit und vieles vieles mehr.
Und dann eines Tages nach fast einer Jahrdekade harter Arbeit begegnet man den Edelmütigtesten der Stadt Frankfurt, und noch mehr – man spricht mit ihm auf Augenhöhe, so ein kleines Stäubchen, von dem schelmischen Ewigkeitswind hierher von Ufers des Baltikums angeweht an Deine Füße, mit dem Wert weniger als der von einem Schlachtschwein, ein dreifacher Flüchtling, von der Heimat, von den Jägern und vom Schicksal, das wie ein blutdürstiger Hund mit heraushängender Zunge atmet speichelsprühend mir in den Nacken. Wir duzen uns, sag ich ihm vom ganz unten auf einem Beton-Klotz sitzend: „ Mein allerbester, verehrenswertester und einziger Freund in dieser Welt, allerliebster Wolfgang, da stehst Du letztendlich nach vielen Peripetien aufgedonnert, majestätisch und stolz und bewundernswert in seinem Baum-Karree, wie gefällt es dir eigentlich Dein neuer Baum-Hain aus 40 Japanischer Schnürbäume, die Dein Platz verzieren soll? Keine ordinäre Bäume, sondern aus Japan, Schmetterlingsblütler. Falls Du ein bisschen nach rechts schielen könnte, drüber die Dächer, daneben der Katharina Kirche, wo ab und zu die Lebensabgestoßenen eine warme Malzeit bekommen, da steht Dein berühmter Ginkgobaum, jetzt im herbstlichen Oktobergewand. Es tut mir so leid, dass den siehst Du nicht. Vielleicht hat die Schnürbäume schon ein Fuß auf Deinem Platz gefasst der Tiefgarage trotzend und 1,5 Meter größer Wurzelraum bewurzelt. Landschaftsarchitektin aus Berlin hat die Hand angelegt, hat die auch Deine Gedichte gelesen, frage ich mich, ist ihr Deine abgründige Naturliebe bekannt? Was weis die von der „stille, reine, leidenlose Vegetation“, von dem Weinstock, der grüßte Dich morgens und vom uralten, sturmumgestürzten Wachholderbaum, gehätschelt von Dir auch nach seinem Ableben, oder dem Ahorn mit schlafendem Pan darunter. Was würdest Du den Freunden Japaner sagen, falls könntest Du es lauthals verlautbaren? Soll ich Dir helfen? Wenn Du ein Auge zudrückst und duldsam mit äußerster Sanftmut mein Geplapper verträgst, dann würde ich sagen: „ Japan ist ein wunderschönes, märchenhaftes, exotisches, orientalisches Land – Kirschbluten, Gartenkunst, Bonsai, Ikebana – das alles ist unbeschreiblich schon, aber was wir hier haben, die Bäume hier – die Wurzel denen wachsen aus Deinem Herzen. Die Welt ist so klein geworden, Frankfurt so groß und schön und Du angesichts der knospenden Schnürbäume wahrnimmst die geishaähnliche Anmut der Bäume, Du der größte unwiderstehlicher Herzensbrecher.“
Ein schattenspendendes Blätterdach soll entstehen mit Kronenbeleuchtung, wird das Dich auch so schützen von den heißen Mittagssonnenstrahlen wie Deine beliebte selbstgepflanzte Bäume mit denen Du so wunderschöne Gespräche hatte, und der gläserne Geldkasten ist barbarisch auch, stecht einfach ins Auge. Heute saß eine Taube auf Deinem Kopf. Verkündigung?